Offener Brief an das Gärtnerplatztheater

Sehr geehrte Mitarbeiter*innen und Mitwirkende des Gärtnerplatztheaters,

Mit hehren Worten wirbt Ihr Intendant Köpplinger in verschiedenen Interviews und Artikeln für Ihr Theater. Es sind Worte wie: „Das ist unsere Verpflichtung, die nächste Generation zu dem hinzuführen, was die Gesellschaft von der Barbarei trennt. Das ist Kunst und Kultur in einem offenen Haus, das für Toleranz und Freiheit steht“ in einem Interview mit BR Klassik oder „wir haben dafür zu sorgen, dass die Gesellschaft nicht nur spießig ist“, mit denen Köpplinger in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung zitiert wird.

Und trotz dieser Ziele Ihres Hauses wollte einer Ihrer Gäste mich am Samstag Abend, den 28.04.2018, die Stufen Ihres Theaters herunterschmeißen. Damit verursachte er, dass eine hinter mir stehende junge Frau tatsächlich fiel und sich Ihren Ellenbogen aufschlug.

Das geschah unter den Augen zweier Ihrer Mitarbeiter*innen, die diese gewaltätige Person in Schutz nahmen und sie nicht zur Rede stellten, sondern darum bemüht waren, dieses Geschehen zu negieren, nicht aufzuklären und keine Konsequenzen daraus zu ziehen.

Anlässlich der Nacht der Musik, einem Motto, unter dem in ganz München Konzerte und verschiedene musikalische Programme an allen möglichen Orten stattfinden, hat sich eine lose Gruppe von Aktivist*innen dazu entschlossen, spontane Konzerte an verschiedenen Plätzen in München zu geben. Diese Konzerte dienten dem Protest gegen die absolut untragbare Lage für junge Künstler*innen und Musiker*innen in München: es gibt in unserer Stadt – einer „Weltstadt der Musik“, wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann behauptet, einen Mangel an Proberäumen und Ateliers, an Orten der Kunst und der Künste, die für junge und alternative Künstler*innen und Musiker*innen bezahlbar sind. Dieser laute, musikalische Protest fand also auch vor dem Gärtnerplatztheater statt.

Die junge Frau und ich saßen auf den Stufen und betrachteten das Geschehen, das laut, aber gewaltlos ablief. Weder ich, noch die junge Frau beteiligten uns aktiv am Protest, wollten lediglich das Schauspiel ansehen. Verständlicherweise kamen nach einiger Zeit zwei Personen des Theaters heraus, um uns mitzuteilen, dass wir die Stufen frei machen sollten, damit die Besucher des Theaters freien Zutritt bekommen würden, denn niemand wolle eine Eskalation. Nach wenigen Minuten waren die Treppen tatsächlich fast frei, zugänglich waren sie die ganze Zeit über, wenn Besucher kamen, wurden selbstverständlich Wege zum Theater freigemacht. Es herrschte im allgemeinen eine positive Stimmung, frei von Aggression.
Als ich mich hinstellte – der Protest war sowieso fast zu Ende – konnte ich nicht widerstehen und fing ein „freches“ Gespräch „ohne Manieren“ mit einer dritten Person an, einem Mann mittleren Alters, der nach der Aussage der beiden Mitarbeiter*innen des Theaters ein Gast gewesen sein soll. Frech und manierlos wurde ich dann von eben dieser Person genannt, als ich erklärte, dass der Zugang zum Theater doch gar nicht versperrt sei. Im Duktus seiner eigenen bürgerlichen Kleinlichkeit wollte ich diesen Mann darauf hinweisen, dass er mich außerdem nicht zu duzen hätte. Dann versuchte er mich, fast auf der obersten Stufe des Theaters stehend, die steinernen Treppen herunterzustoßen. Mit seinen Händen, die das ein oder andere Mal den Brecht selbst in der Hand gehabt haben können, die sich Karten für das Theater gekauft hatten, dass sich für seine Toleranz und die Möglichkeit der Freiheit brüstet und gegen die Barbarei – die ja bekanntlich nicht ganz unbürgerlich ist – wehrt, vollzog also dieser Mensch einen Angriff, der die hinter mir stehende junge Frau umwarf, die sich nicht einmal an diesem Gespräch beteiligt hatte und dadurch verletzt wurde. Es geht ihr übrigens gut, bleibende Schäden durch die Gewalttat Ihres Besuchers sind nicht entstanden.

Ich war natürlich entsetzt und schrie den Mann an und beleidigte ihn wahrscheinlich. Bedroht habe ich ihn nicht. Zurückgeschlagen habe ich nicht. Ihn die Treppen heruntergestossen, weil er „frech“ und „manierlos“ war, habe ich nicht.

Seine eigene Tat, die seiner Bürgerlichkeit und Biederkeit entsprang, hat er negiert. Er sagte mir sogar: „Nur weil DU schreist, macht das deine Worte nicht wahrer.“ Während mehr als hundert Personen, die auf dem Gärtnerplatz und direkt vor dem Theater seine Tat gesehen hatten. Außerdem hat es auch eine Videokamera aufgezeichnet, auf deren Bilder ich im Moment warte.

Als andere Beteiligte und ich wenigstens eine Entschuldigung forderten, wurde sie uns verwehrt.
Als ich seine Personalien für eine Anzeige wegen Körperverletzung und versuchter Körperverletzung forderte, zog er sich feige ins Theater zurück, ohne dass eine*r Ihrer Mitarbeiter*innen ihm folgte, um die Sache aufzuklären.

Ich gebe natürlich zu an dieser Stelle: Ich habe vermutlich Ihr Hausrecht verletzt, da ich auf den Stufen saß und dann stand und stehen blieb, um dieser Person ein paar spöttische Worte zuzuwerfen. Dass mir ein Hausverbot drohen könnte, ist mir klar. Im Gegenzug sollten Sie sich allerdings entschuldigen. Für die Verletzung, die die junge Frau erfuhr, für das Verhalten Ihres Gastes, von dem Gewalt ausging und für das Verhalten Ihrer Mitarbeiter*innen.

Für die paar Flaschen, die einige andere Menschen nach dieser Eskalation durch Ihren Gast und Ihre Mitarbeiter*innen auf den Stufen zu Bruch gingen, kann ich nichts und dafür entschuldige ich mich nicht. Es hätte der Kopf der jungen Frau oder meiner sein können. Ich hoffe nur, dass sich niemand im Verlauf des Abends an den Scherben verletzt hat.

Dennoch frage ich Sie: Ist das die Art und Weise, die Manier (!), mit der junge Menschen, die sich aktiv oder passiv, in welcher Quantität oder Qualität auch immer, gegen die Verhältnisse äußern oder sich mit Protesten solidarisieren oder einfach „frech“ sind, behandelt werden sollten? Während da die Rede ist von Toleranz, Freiheit, während Protestlieder in Ihrem Theater gespielt und gesungen werden? Während die Barbarei durch Ihr Theater bekämpft werden soll?

Ich sagte ihren Mitarbeiter*innen, das ihr Verhalten eine Frechheit sei. Und dabei bleibt es.

Eine Anzeige an diesen Brechtgenießer, diesen Kulturmann, Kleinmensch und Schöngeist wird weder die junge Frau noch ich stellen. Ich hoffe, dass Sie ebenfalls von irgendwelchen repressiven Anzeigen absehen, da ich, wie oben zugegeben, mich genau einer Sache schuldig gemacht habe und zwar die Stufen mit meinen Beinen betreten habe. Die Folge eines Hausverbots nehme ich gerne entgegen.

Im übrigen soll dieser offene Brief nicht den Ruf Ihrer Mitarbeiter*innen und den Mitwirkenden am Gärtnerplatztheater schaden. Sie können sich entschuldigen und das Verhalten der beiden Mitarbeiter*innen an diesem Abend reflektieren, um eine fruchtbare und positive Konsequenz aus dem barbarischen Verhalten Ihres Gastes – der den beiden Mitarbeiter*innen vielleicht bekannt sein könnte – ziehen.

Mit den besten Grüßen,
Felix Hölter

P.S.: Ich hoffe, dass diese Person, nachdem sie für Recht und Ordnung durch ihre besserwissenden Männerhände sorgte und den jungen Menschen endlich die Manier beibrachte, noch den Brecht und Weill auslassend fressen konnte.

P.P.S.: Falls einer der beiden Mitarbeiter*innen behaupten sollte, dass ich zu diesem Zeitpunkt alkoholisiert gewesen sei: ich habe ein Bier getrunken und nicht mehr, auch dafür habe ich Zeugen. Und es sei daran erinnert, dass man in Bayern mit zwei Maß Bier intus noch Auto fahren kann und sogar noch dann Verkehrsminister wird, wenn man betrunken schwere Verkehrsunfälle ausgelöst hat.

Wundenmann

Mit dem folgenden Text trat ich Anfang 2018 bei der PULS-Lesereihe an und erreichte die erste Runde. Damit war eine Lesung in Passau verbunden, die hier angehört werden kann. Außerdem wurde der Text in der zur Lesereihe gehörenden Broschüre abgedruckt. Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal ausdrücklich beim PULS-Team, dem Passauer Publikum und den beiden anderen Kandidatinnen bedanken.


Wundenmann

Felix Hölter

Der Wundenmann, der mich fasziniert und gleich hier vorne ansieht, aus dem kleinen Vorraum bei der Eingangstür meiner Wohnung. Ich weiß nicht ob er nur zaghaft ist, vielleicht etwas sagen möchte. Ist er schüchtern? Oder einfach sprachlos, bis ich ihn anspreche? Er steht da hinter dem Türrahmen, verbirgt seinen Körper mit den unzähligen Wunden und sieht mich an.
Als ich nachts durch die Straßen der Städte lief, um irgendwo unterzukommen, verfolgten mich Gefühle schemenhaft um jede Ecke. Wie sie hießen, sagten sie mir nicht. Genauso machte es der Wundenmann. Er folgt mir auf Schritt und Tritt, manchmal direkt neben mir und manchmal ist er einige Meter entfernt. Er hält sich versteckt. Ich entdecke ihn erst nach kurzem Suchen. Er steht hinter Stromkästen und in Hauseingängen, hinter anderen Menschen und Fahrzeugen. Einige Male habe ich ihn sogar in Schaufenstern gesehen, in denen sein fahles Gesicht irgendwo zwischen der Auslage herausgeguckt hat. Nachts kann man in der Stadt die Sterne nicht sehen, wenn man in den Himmel sieht, die Städte sind zu groß und zu hell und trotzdem unheimlich dunkel. Mitten in der Stadt bin ich erzogen worden. Zögerlich ging ich nicht. Ich hatte ein Ziel: eines zu finden. Kehrte ein bei Menschen in zerfetzten Kleidern. Eine junge Frau mit blühender Haut, in die ich mich verliebte. Mit dem Kopf auf den Boden gepresst, sah ich im Himmel einem Geist hinterher.
„Wieso versteckst du dich?“, fragte ich den Wundenmann. Sein Gesicht ist immer ausdruckslos, obwohl er so viele Verletzungen trägt. Alle Verwundungen seines Körpers sind offen, sie sind unbehandelt und ungeheilt. Er blutet nicht, man sieht das glänzende, nasse Fleisch unter den Schnitten und Rissen in seiner Haut. Die Stiche, die Schläge, die dumpfen Dellen, die Beulen. Er antwortete nicht, denn ich hatte die falsche Frage gestellt.
Die schrecklichen letzten Zeiten. Ich rastete nicht auf dem Weg nach Hause. Fand einen Zeitungsstapel und nahm eine Zeitung, als der Zusteller um die Ecke kam. Er fragte mich, ob er die Polizei rufen solle. Gab das Blatt zurück, kopfschüttelnd. Wenige Meter weiter hat mich der Wundenmann beobachtet. Da habe ich ihn das erste Mal überhaupt gesehen. Sein Gesicht, ohne jede Regung, ohne schmerzliche Verzerrung. Das einzige, das man in seinem Gesicht vermuten kann, ist ein Hauch von Resignation. Ich konnte es nicht genau sagen, so lange ich ihn auch anstarrte. Vielleicht ist es die schwarze Iris seiner Augen, in denen sich ein Punkt weißen Lichts widerspiegelt, der aussieht wie seine Pupille. Was mich jetzt wundert, wenn ich zurückdenke an dieses erste Mal: ich bin nicht erschrocken. Ich habe ihn gesehen, bemerkt, dass er da steht und mich beobachtet hat. Ich habe akzeptiert, dass er da war. Es wirkte damals, als ob er schon immer da gewesen wäre.
Einmal kam der Wundenmann hinter der Ecke in meiner Wohnung hervor. Er ging direkt auf mich zu, sehr ruhig und gleichmässig, auch wenn er stark humpeln musste, weil eine seiner Achillesfersen durchtrennt war. Ich bemerkte sofort im Augenwinkel seine Bewegung. Er stand dann neben mir, etwa eine Minute, bis ich vom Schreibtisch und meinen Unterlagen aufsah und ihm direkt in die Augen schaute. Als wäre unser Augenkontakt sein Zeichen gewesen, öffnete er seinen Mund und entnahm ihm etwas. Er führte die Hand mit dem Gegenstand vor mein Gesicht und öffnete seine Faust. In der Mitte seiner zerschlissenen Handfläche lag ein kleiner Schlüssel. „Nimm ihn“, sagte er. Er sprach das erste Mal, seitdem er mir folgte. Seine Stimme war sehr klar, ruhig und tief. „Nimm ihn“, wiederholte der Wundenmann.
Von allen Seiten betrachtete ich den Schlüssel, nahm ihn zwischen meine Finger und befühlte die Kerben. Er schien neu und noch nie benutzt worden zu sein. Ich strich mit dem rechten Zeigefinger über seine Oberfläche. Er war warm, da ich ihn in meiner Hand gehalten hatte. Er fühlte sich fast organisch an. Seine Zacken waren völlig gewöhnlich. Er sah aus wie ein absolut alltäglicher, kleiner Schlüssel für ein Vorhängeschloss. „Was öffnet dieser Schlüssel?“, fragte ich in Richtung des Vorraums, in den sich der Wundenmann zurückbegeben hatte. Ich sah nur die zwei weißen Lichtpupillen aus dem Schatten spähen. Der Wundenmann gab mir keine Antwort, was mich nicht überraschte. „Danke“, sagte ich leise und drehte mich zu meinem Schreibtisch um. Den Schlüssel ließ ich mitten auf dem Tisch auf einem Blatt Papier liegen und sah ihn noch eine Zeit lang an.
Ich ging mit ihr in eine Ausstellung. Sie ging voran und ich hinterher, bis ich vor einem Bild stehen blieb. Eine fast nackte Frau in eine dunkelblaue Robe gehüllt, ihre Brüste offenbarend. Die Sünde. Als echter Sünder betrachtete ich lange das Bild, bis sie mich von hinten an der Schulter berührte. Ich drehte mich um, sie ging voraus und ich hinterher und von hinten war sie die Sünde und ich der Sünder, der ihr folgte. Und hinter mir ging der Wundenmann her, starr und beständig seine Augen auf mich gerichtet.
…die Freude an der Vorstellung eines in meinem Herzen gedrehten Messers. Manchmal bekomme ich Angst, wenn ich mit der U-Bahn fahre. Dicht gedrängt an die Körper anderer Menschen, ihren Geruch in der Nase und ihre Blicke auf mein Genick gerichtet, mit dem Wunsch es mir zu brechen. Einmal war es besonders stark. Ein unwirklich massiver alter Mann betrat die Bahn und setzte sich mir gegenüber. Er starrte mich unablässig an und zeigte ab und zu sein Grinsen. Seine Zahnreihen waren oben wie unten durchbrochen von Fenstern, durch die man in seine Mundhöhle sehen konnte. Sein beißender Menschengeruch schlug aufdringlich nach meiner Nase. Ich kauerte halb in meiner Ecke, während er nur starrte und grinste, bis ich endlich, um mich seinem Blick zu entziehen, den Wundenmann erkannte, der etwas weiter hinten zwischen einer kleinen Gruppe von Leuten stand. Seine schwarzen Augen waren bereits auf mich gerichtet und sein ewig gleicher Gesichtsausdruck beruhigte meine gefangenen Gefühle, bis ich den grinsenden Mann endlich vergessen konnte. Später fragte ich ihn, ob ich immer und immer wieder so fühlen müsste. Er sah mich stumm an.
Irgendwann ist der Wundenmann wieder zu mir hergekommen, als ich gerade auf meinem Bett saß und auf den Boden starrte. Ich habe erst nicht aufgesehen und war verfangen in meinen Gedanken, habe allerdings das schlurfende Geräusch seines Gangs bemerkt. Der Wundenmann hat sich einfach neben mich gesetzt. „Hol den Schlüssel“, hat er leise gesagt und ich habe den Schlüssel geholt, den er mir gegeben hatte. Mit dem Schlüssel in der flachen Hand und einem fragenden Gesichtsausdruck stand ich dann vor dem Wundenmann. Er nickte und sah an sich herab, während er gleichzeitig seine Hände an seine Brust führte. Auf der linken Seite, etwas unter seiner linken Brustwarze war ein kleiner Schnitt. In diese schmale Öffnung führte der Wundenmann ganz sachte seine Zeigefinger ein und zog an beiden Seiten an. Der Grat vergrößerte sich und brachte den Rippenbogen zum Vorschein. Immer weiter zog er an der Haut, die mit einem leisen, reißenden Geräusch aufbrach. Dann nahm er einige der Rippen in die linke Hand und bog sie nach außen, bis sie knackten. Unter den Rippen zeigte sich das Herz des Wundenmanns, der mit seinem zerrissenen Torso und abstehenden Rippen vor mir auf dem Bett saß. Ich war erstarrt, nicht aus Furcht oder Ekel, sondern mehr aus einem sonderbaren Gefühl, das dieses Ritual mit sich brachte. Der Wundenmann griff die Hand, in der ich den Schlüssel hielt und führte sie an die Öffnung seiner Brust. „Nimm den Schlüssel“, flüsterte er, „und steck ihn in mein Herz“.

(Zitate aus Franz Kafka, Tagebücher 1909 – 1912)

lesung – 20.04.2018 – Cordobar Germering

Am Freitag den 20.04.2018 werde ich neben anderen Künstler*innen lesen. Mein Text Genealogie umreißt die unterschiedliche Sozialisation von Vätern und Söhnen in einer möglichen deutschen Familiengeschichte. Dabei werden Sprache, Wahrheit und Gerücht, Religion und Nationalsozialismus, Urbanität und Land verhandelt.

Poetry Night
Cordobar
Bahnhofsplatz 16
82110 Germering
Eintrittspreis 5€
Beginn 20 Uhr

Weitere Informationen im facebook event.

lesung – 01.03.2018 – Rationaltheater München

Am Donnerstag, den 01.03.2018, lese ich im Rahmen der regelmäßigen Lesungen der Schreibwerkstatt der Komparatistik an der LMU meinen Text Scherbe. Der Text wird im aktuellen, zur Lesung gehörenden Prospekt abgedruckt und ist in limitierter Form auf den Lesungen der Schreibwerkstatt erhältlich.

Liebesausstieg – Eine Lesung der Schreibwerkstatt
Rationaltheater
Hesseloherstraße 18
80802 München
Eintritt 5€
Beginn 20:30

Weitere Informationen auf facebook.

Wer sind eigentlich die Falken?

Klar, Sozialistische Jugend Deutschlands, der Zweitname der Falken, das klingt erst einmal sperrig und ruft Bilder von uniformierten strammen jungen Menschen hervor, die Parolen und alte Kampflieder grölen. Man denkt auch an Pfadfinder, Knotenkunde und Abzeichen. Ich hatte einige dieser Vorurteile im Kopf, als ich die Falken auf einem Zeltlager besuchte. Aber nach den langen und offenen Gesprächen und den Eindrücken auf dem Willy-Brandt-Zeltplatz südlich von Nürnberg wurde ich eines Besseren belehrt.

Als ich ankomme herrscht erstmal Ratlosigkeit. Ich frage mich durch nach meinem Kontakt, aber eigentlich ist es offensichtlich, denn es stehen nur noch zwei kleinere Zeltkolonien auf dem riesigen Platz, der voller Paletten, Stroh und Planen ist, die gerade abtransportiert werden. Die Woche vorher fand das größte Zeltlager der internationalen sozialistischen Jugendgruppen statt, das International Falcon Movement Camp. Zwischen den beiden kleineren Zeltlagern, die vom IFM Camp übrig geblieben sind, steht ein großer Fahnenmast, an dessen Ende die Flagge der Falken im Wind weht. Ich betrete eines der Dörfer, wie die Falken eine Gruppe von Zelten nennen, die aus der Ansammlung einer Altersklasse oder eines Ortsverbandes besteht. Es ist gerade Mittagszeit, von der Küche im Hauptgebäude des Willy-Brandt-Zeltplatzes wird das Essen gebracht. Neugierige junge Augen betrachten mich.

Es gibt eine Reihe von Workshops, die man eher in einem Vorlesungsverzeichnis vermuten würde

Die Helferinnen und Helfer kommen, sie laden mich zum gemeinsamen Essen ein und unsere Gespräche beginnen. Auf die Frage, was sie hier eigentlich machen, zeigen sie mir einen Wochenplan. Neben gewöhnlichen handwerklichen und pädagogischen Kursen und viel Freizeit, gibt es eine Reihe von Workshops, die man eher in einem Vorlesungsverzeichnis vermuten würde. Flucht und Asyl, Rassismus und Querfront sind die Themen, die die Jugendlichen mit den Helferinnen und Helfern besprechen. Ich frage, ob das nicht eine Ideologisierung der Jugendlichen ist und erhalte ein herzliches Lachen als Antwort. Das sei einer der Vorwürfe, den die Falken immer wieder zu hören bekämen. Sie würden politische Gehirnwäsche an den Kindern und Jugendlichen vollziehen. Es seien hier Umerziehungslager und so weiter. Ich schmunzle und denke mir, wenn die Workshops und Arbeitskreise nur halb so offen und sympathisch geführt werden wie unsere Gespräche, dann kann niemals von Gehirnwäsche die Rede sein.

 

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Tatsächlich kommen immer wieder Kinder und Jugendliche zu uns rüber. Sie fragen mich, wer ich bin und wie ich heiße. Hier scheint eine urkindliche Neugierde und ein junges Selbstbewusstsein zu herrschen, das ich vorher so nicht erlebt habe. Nach dem Essen gibt es eine Raucherpause des Helferteams hinter den Zelten. Sie wollen natürlich kein schlechtes Vorbild sein für ihre Schützlinge. Ich frage, was die Kinder für ihre Teilnahme zahlen und wie viel Geld die Helfer erhalten, wie ich es von anderen Jugendgruppen kenne. Die Kinder zahlen einen kleinen Betrag für die Teilnahme an den Camps, aber genauso die Helfer. Wenn ein Teilnehmer oder ein Helfer nichts zahlen will oder kann, dann wird eben zusammengelegt oder gespendet, um die Teilnahme auch jungen Menschen aus ärmeren Verhältnissen zu ermöglichen. Das käme sogar öfter vor, denn obwohl die Linke mittlerweile vor Bürgerlichkeit und Mittelstand landesweit aus den Fugen gerät, kämen viele junge Leute aus schwierigen Verhältnissen zu den Falken.

Wenn man Helfer werden möchte, hängt man sich einfach rein

Einige der Helferinnen und Helfer, die gerade Zeit haben zeigen mir die beiden Dörfer. Das gegenüberliegende Camp beherbergt Kinder zwischen 6 und 11 Jahren. Auf dem Weg ermahnt eine der Helferinnen zwei Mädchen, dass ihr Zelt ziemlich unordentlich ist. Die Ermahnung wirkt wie ein netter Tipp, die beiden Mädchen sind einsichtig, denn alles geschieht auf einer freundschaftlichen, legeren Ebene. Wir sprechen über die Falkenverbände. Beide Dörfer gehören dem Landesverband Bayern an, der aus den Bezirken Franken, Niederbayern und der Oberpfalz und Südbayern besteht. Es sind vor allem Regensburger und Münchner da. Der Münchner Verband befindet sich im Moment in seiner Reaktivierung. Viele der ehemals Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich bei den Münchner Falken engagiert haben, mussten wegen Studiumsbeginn und Arbeitsleben ihr Engagement aufgeben. Nach wie vor bleibt das Alter der Helferinnen und Helfer aber jung, der Älteste ist etwa 30, die Jüngsten beginnen mit 16. Helfer zu werden ist undogmatisch. Wenn man Helfer werden möchte, hängt man sich einfach rein in der Organisation und im Alltag des Zeltlagers oder der Workshops und Angebote. Helferinnen und Helfer erhalten dann eine anerkannte Jugendleiterausbildung. Außerhalb der Zeltlager gibt es neben Lektürenkursen linker Basistheorie allerhand andere Programme, die nicht nur für Kinder und Jugendliche interessant sind und gleichzeitig ohne Kosten oder gegen Spenden angeboten werden.

 

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Ob die alten Losungen des Sozialismus immer noch Präambel der Falken sei? Wieder Lachen, natürlich nicht, so habe eigentlich jeder Ortsverband, sogar jedes Mitglied seine eigene, persönliche politische Sichtweise, auch wenn Sozialismus im Mittelpunkt der Motivation steht. Ganz klar richten sich die Falken immer gegen Rassismus, Antisemitismus und die Ausbeutung der Unterdrückten. Anders kann eine linke Jugendarbeit auch niemals funktionieren.

Die Falken sind definitiv eine Bereicherung für die politische und pädagogische Landschaft

Nach dem Spaziergang über die beiden Zeltlager bin ich ein wenig erschöpft. Die Gespräche waren lang und intensiv. In einem ruhigen Moment gehe ich nochmal meine Vorurteile über die Gruppe durch. Sind die Falken eine erzkommunistische Gruppe, die Jugendliche zu ihren politischen Zwecken ausnutzen möchte? Definitiv nicht. Überall laufen hier völlig normale Kinder und junge Menschen über den Platz, sie spielen Fußball oder sie besuchen einen Arbeitskreis, wie sie es eben möchten. Aber sind die Falken vielleicht ein Überbleibsel der DDR, bei all den Ähnlichkeiten wie dem Blauhemd, das sie als Uniform verwenden – und das ich übrigens kein einziges Mal hier gesehen habe? Absolut nicht. Die Falken waren schon immer in Westdeutschland aktiv und bis vor einigen Jahren auch der SPD sehr nahe. Die Geschichte der DDR und ihre politische Auslegung wird hier konsequent abgelehnt.

Die Falken sind definitiv eine Bereicherung für die politische und pädagogische Landschaft außerhalb von Familie und Schule. Vor allem in der politischen Bildung ist diese Alternative zu den konservativen und liberalen Konzepten eine Erfrischung. Insbesondere in Bayern, dessen konservative Regierung und landläufige Einstellung immer wieder im Gegensatz zu seiner Geschichte stand. Die Falken wirken trotz ihrer über hundertjährigen Tradition erheblich weniger rückwärtsgewandt als viele der anderen politisch-pädagogischen Institutionen in Bayern. In den Stunden des Einblicks, den ich nehmen durfte, wurde ich von einem Klima der Offenheit, Neugierde und Selbstreflexion überrascht. Um die Frage im Titel meines Artikels zu beantworten: die Falken sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die nachdenken ohne sich von vorgeschriebenen Ideologien oder Traditionen verbiegen zu lassen. Freundschaft!


Text und Bild Felix Hölter