Wundenmann

Mit dem folgenden Text trat ich Anfang 2018 bei der PULS-Lesereihe an und erreichte die erste Runde. Damit war eine Lesung in Passau verbunden, die hier angehört werden kann. Außerdem wurde der Text in der zur Lesereihe gehörenden Broschüre abgedruckt. Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal ausdrücklich beim PULS-Team, dem Passauer Publikum und den beiden anderen Kandidatinnen bedanken.


Wundenmann

Felix Hölter

Der Wundenmann, der mich fasziniert und gleich hier vorne ansieht, aus dem kleinen Vorraum bei der Eingangstür meiner Wohnung. Ich weiß nicht ob er nur zaghaft ist, vielleicht etwas sagen möchte. Ist er schüchtern? Oder einfach sprachlos, bis ich ihn anspreche? Er steht da hinter dem Türrahmen, verbirgt seinen Körper mit den unzähligen Wunden und sieht mich an.
Als ich nachts durch die Straßen der Städte lief, um irgendwo unterzukommen, verfolgten mich Gefühle schemenhaft um jede Ecke. Wie sie hießen, sagten sie mir nicht. Genauso machte es der Wundenmann. Er folgt mir auf Schritt und Tritt, manchmal direkt neben mir und manchmal ist er einige Meter entfernt. Er hält sich versteckt. Ich entdecke ihn erst nach kurzem Suchen. Er steht hinter Stromkästen und in Hauseingängen, hinter anderen Menschen und Fahrzeugen. Einige Male habe ich ihn sogar in Schaufenstern gesehen, in denen sein fahles Gesicht irgendwo zwischen der Auslage herausgeguckt hat. Nachts kann man in der Stadt die Sterne nicht sehen, wenn man in den Himmel sieht, die Städte sind zu groß und zu hell und trotzdem unheimlich dunkel. Mitten in der Stadt bin ich erzogen worden. Zögerlich ging ich nicht. Ich hatte ein Ziel: eines zu finden. Kehrte ein bei Menschen in zerfetzten Kleidern. Eine junge Frau mit blühender Haut, in die ich mich verliebte. Mit dem Kopf auf den Boden gepresst, sah ich im Himmel einem Geist hinterher.
„Wieso versteckst du dich?“, fragte ich den Wundenmann. Sein Gesicht ist immer ausdruckslos, obwohl er so viele Verletzungen trägt. Alle Verwundungen seines Körpers sind offen, sie sind unbehandelt und ungeheilt. Er blutet nicht, man sieht das glänzende, nasse Fleisch unter den Schnitten und Rissen in seiner Haut. Die Stiche, die Schläge, die dumpfen Dellen, die Beulen. Er antwortete nicht, denn ich hatte die falsche Frage gestellt.
Die schrecklichen letzten Zeiten. Ich rastete nicht auf dem Weg nach Hause. Fand einen Zeitungsstapel und nahm eine Zeitung, als der Zusteller um die Ecke kam. Er fragte mich, ob er die Polizei rufen solle. Gab das Blatt zurück, kopfschüttelnd. Wenige Meter weiter hat mich der Wundenmann beobachtet. Da habe ich ihn das erste Mal überhaupt gesehen. Sein Gesicht, ohne jede Regung, ohne schmerzliche Verzerrung. Das einzige, das man in seinem Gesicht vermuten kann, ist ein Hauch von Resignation. Ich konnte es nicht genau sagen, so lange ich ihn auch anstarrte. Vielleicht ist es die schwarze Iris seiner Augen, in denen sich ein Punkt weißen Lichts widerspiegelt, der aussieht wie seine Pupille. Was mich jetzt wundert, wenn ich zurückdenke an dieses erste Mal: ich bin nicht erschrocken. Ich habe ihn gesehen, bemerkt, dass er da steht und mich beobachtet hat. Ich habe akzeptiert, dass er da war. Es wirkte damals, als ob er schon immer da gewesen wäre.
Einmal kam der Wundenmann hinter der Ecke in meiner Wohnung hervor. Er ging direkt auf mich zu, sehr ruhig und gleichmässig, auch wenn er stark humpeln musste, weil eine seiner Achillesfersen durchtrennt war. Ich bemerkte sofort im Augenwinkel seine Bewegung. Er stand dann neben mir, etwa eine Minute, bis ich vom Schreibtisch und meinen Unterlagen aufsah und ihm direkt in die Augen schaute. Als wäre unser Augenkontakt sein Zeichen gewesen, öffnete er seinen Mund und entnahm ihm etwas. Er führte die Hand mit dem Gegenstand vor mein Gesicht und öffnete seine Faust. In der Mitte seiner zerschlissenen Handfläche lag ein kleiner Schlüssel. „Nimm ihn“, sagte er. Er sprach das erste Mal, seitdem er mir folgte. Seine Stimme war sehr klar, ruhig und tief. „Nimm ihn“, wiederholte der Wundenmann.
Von allen Seiten betrachtete ich den Schlüssel, nahm ihn zwischen meine Finger und befühlte die Kerben. Er schien neu und noch nie benutzt worden zu sein. Ich strich mit dem rechten Zeigefinger über seine Oberfläche. Er war warm, da ich ihn in meiner Hand gehalten hatte. Er fühlte sich fast organisch an. Seine Zacken waren völlig gewöhnlich. Er sah aus wie ein absolut alltäglicher, kleiner Schlüssel für ein Vorhängeschloss. „Was öffnet dieser Schlüssel?“, fragte ich in Richtung des Vorraums, in den sich der Wundenmann zurückbegeben hatte. Ich sah nur die zwei weißen Lichtpupillen aus dem Schatten spähen. Der Wundenmann gab mir keine Antwort, was mich nicht überraschte. „Danke“, sagte ich leise und drehte mich zu meinem Schreibtisch um. Den Schlüssel ließ ich mitten auf dem Tisch auf einem Blatt Papier liegen und sah ihn noch eine Zeit lang an.
Ich ging mit ihr in eine Ausstellung. Sie ging voran und ich hinterher, bis ich vor einem Bild stehen blieb. Eine fast nackte Frau in eine dunkelblaue Robe gehüllt, ihre Brüste offenbarend. Die Sünde. Als echter Sünder betrachtete ich lange das Bild, bis sie mich von hinten an der Schulter berührte. Ich drehte mich um, sie ging voraus und ich hinterher und von hinten war sie die Sünde und ich der Sünder, der ihr folgte. Und hinter mir ging der Wundenmann her, starr und beständig seine Augen auf mich gerichtet.
…die Freude an der Vorstellung eines in meinem Herzen gedrehten Messers. Manchmal bekomme ich Angst, wenn ich mit der U-Bahn fahre. Dicht gedrängt an die Körper anderer Menschen, ihren Geruch in der Nase und ihre Blicke auf mein Genick gerichtet, mit dem Wunsch es mir zu brechen. Einmal war es besonders stark. Ein unwirklich massiver alter Mann betrat die Bahn und setzte sich mir gegenüber. Er starrte mich unablässig an und zeigte ab und zu sein Grinsen. Seine Zahnreihen waren oben wie unten durchbrochen von Fenstern, durch die man in seine Mundhöhle sehen konnte. Sein beißender Menschengeruch schlug aufdringlich nach meiner Nase. Ich kauerte halb in meiner Ecke, während er nur starrte und grinste, bis ich endlich, um mich seinem Blick zu entziehen, den Wundenmann erkannte, der etwas weiter hinten zwischen einer kleinen Gruppe von Leuten stand. Seine schwarzen Augen waren bereits auf mich gerichtet und sein ewig gleicher Gesichtsausdruck beruhigte meine gefangenen Gefühle, bis ich den grinsenden Mann endlich vergessen konnte. Später fragte ich ihn, ob ich immer und immer wieder so fühlen müsste. Er sah mich stumm an.
Irgendwann ist der Wundenmann wieder zu mir hergekommen, als ich gerade auf meinem Bett saß und auf den Boden starrte. Ich habe erst nicht aufgesehen und war verfangen in meinen Gedanken, habe allerdings das schlurfende Geräusch seines Gangs bemerkt. Der Wundenmann hat sich einfach neben mich gesetzt. „Hol den Schlüssel“, hat er leise gesagt und ich habe den Schlüssel geholt, den er mir gegeben hatte. Mit dem Schlüssel in der flachen Hand und einem fragenden Gesichtsausdruck stand ich dann vor dem Wundenmann. Er nickte und sah an sich herab, während er gleichzeitig seine Hände an seine Brust führte. Auf der linken Seite, etwas unter seiner linken Brustwarze war ein kleiner Schnitt. In diese schmale Öffnung führte der Wundenmann ganz sachte seine Zeigefinger ein und zog an beiden Seiten an. Der Grat vergrößerte sich und brachte den Rippenbogen zum Vorschein. Immer weiter zog er an der Haut, die mit einem leisen, reißenden Geräusch aufbrach. Dann nahm er einige der Rippen in die linke Hand und bog sie nach außen, bis sie knackten. Unter den Rippen zeigte sich das Herz des Wundenmanns, der mit seinem zerrissenen Torso und abstehenden Rippen vor mir auf dem Bett saß. Ich war erstarrt, nicht aus Furcht oder Ekel, sondern mehr aus einem sonderbaren Gefühl, das dieses Ritual mit sich brachte. Der Wundenmann griff die Hand, in der ich den Schlüssel hielt und führte sie an die Öffnung seiner Brust. „Nimm den Schlüssel“, flüsterte er, „und steck ihn in mein Herz“.

(Zitate aus Franz Kafka, Tagebücher 1909 – 1912)