Wer sind eigentlich die Falken?

Klar, Sozialistische Jugend Deutschlands, der Zweitname der Falken, das klingt erst einmal sperrig und ruft Bilder von uniformierten strammen jungen Menschen hervor, die Parolen und alte Kampflieder grölen. Man denkt auch an Pfadfinder, Knotenkunde und Abzeichen. Ich hatte einige dieser Vorurteile im Kopf, als ich die Falken auf einem Zeltlager besuchte. Aber nach den langen und offenen Gesprächen und den Eindrücken auf dem Willy-Brandt-Zeltplatz südlich von Nürnberg wurde ich eines Besseren belehrt.

Als ich ankomme herrscht erstmal Ratlosigkeit. Ich frage mich durch nach meinem Kontakt, aber eigentlich ist es offensichtlich, denn es stehen nur noch zwei kleinere Zeltkolonien auf dem riesigen Platz, der voller Paletten, Stroh und Planen ist, die gerade abtransportiert werden. Die Woche vorher fand das größte Zeltlager der internationalen sozialistischen Jugendgruppen statt, das International Falcon Movement Camp. Zwischen den beiden kleineren Zeltlagern, die vom IFM Camp übrig geblieben sind, steht ein großer Fahnenmast, an dessen Ende die Flagge der Falken im Wind weht. Ich betrete eines der Dörfer, wie die Falken eine Gruppe von Zelten nennen, die aus der Ansammlung einer Altersklasse oder eines Ortsverbandes besteht. Es ist gerade Mittagszeit, von der Küche im Hauptgebäude des Willy-Brandt-Zeltplatzes wird das Essen gebracht. Neugierige junge Augen betrachten mich.

Es gibt eine Reihe von Workshops, die man eher in einem Vorlesungsverzeichnis vermuten würde

Die Helferinnen und Helfer kommen, sie laden mich zum gemeinsamen Essen ein und unsere Gespräche beginnen. Auf die Frage, was sie hier eigentlich machen, zeigen sie mir einen Wochenplan. Neben gewöhnlichen handwerklichen und pädagogischen Kursen und viel Freizeit, gibt es eine Reihe von Workshops, die man eher in einem Vorlesungsverzeichnis vermuten würde. Flucht und Asyl, Rassismus und Querfront sind die Themen, die die Jugendlichen mit den Helferinnen und Helfern besprechen. Ich frage, ob das nicht eine Ideologisierung der Jugendlichen ist und erhalte ein herzliches Lachen als Antwort. Das sei einer der Vorwürfe, den die Falken immer wieder zu hören bekämen. Sie würden politische Gehirnwäsche an den Kindern und Jugendlichen vollziehen. Es seien hier Umerziehungslager und so weiter. Ich schmunzle und denke mir, wenn die Workshops und Arbeitskreise nur halb so offen und sympathisch geführt werden wie unsere Gespräche, dann kann niemals von Gehirnwäsche die Rede sein.

 

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Tatsächlich kommen immer wieder Kinder und Jugendliche zu uns rüber. Sie fragen mich, wer ich bin und wie ich heiße. Hier scheint eine urkindliche Neugierde und ein junges Selbstbewusstsein zu herrschen, das ich vorher so nicht erlebt habe. Nach dem Essen gibt es eine Raucherpause des Helferteams hinter den Zelten. Sie wollen natürlich kein schlechtes Vorbild sein für ihre Schützlinge. Ich frage, was die Kinder für ihre Teilnahme zahlen und wie viel Geld die Helfer erhalten, wie ich es von anderen Jugendgruppen kenne. Die Kinder zahlen einen kleinen Betrag für die Teilnahme an den Camps, aber genauso die Helfer. Wenn ein Teilnehmer oder ein Helfer nichts zahlen will oder kann, dann wird eben zusammengelegt oder gespendet, um die Teilnahme auch jungen Menschen aus ärmeren Verhältnissen zu ermöglichen. Das käme sogar öfter vor, denn obwohl die Linke mittlerweile vor Bürgerlichkeit und Mittelstand landesweit aus den Fugen gerät, kämen viele junge Leute aus schwierigen Verhältnissen zu den Falken.

Wenn man Helfer werden möchte, hängt man sich einfach rein

Einige der Helferinnen und Helfer, die gerade Zeit haben zeigen mir die beiden Dörfer. Das gegenüberliegende Camp beherbergt Kinder zwischen 6 und 11 Jahren. Auf dem Weg ermahnt eine der Helferinnen zwei Mädchen, dass ihr Zelt ziemlich unordentlich ist. Die Ermahnung wirkt wie ein netter Tipp, die beiden Mädchen sind einsichtig, denn alles geschieht auf einer freundschaftlichen, legeren Ebene. Wir sprechen über die Falkenverbände. Beide Dörfer gehören dem Landesverband Bayern an, der aus den Bezirken Franken, Niederbayern und der Oberpfalz und Südbayern besteht. Es sind vor allem Regensburger und Münchner da. Der Münchner Verband befindet sich im Moment in seiner Reaktivierung. Viele der ehemals Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich bei den Münchner Falken engagiert haben, mussten wegen Studiumsbeginn und Arbeitsleben ihr Engagement aufgeben. Nach wie vor bleibt das Alter der Helferinnen und Helfer aber jung, der Älteste ist etwa 30, die Jüngsten beginnen mit 16. Helfer zu werden ist undogmatisch. Wenn man Helfer werden möchte, hängt man sich einfach rein in der Organisation und im Alltag des Zeltlagers oder der Workshops und Angebote. Helferinnen und Helfer erhalten dann eine anerkannte Jugendleiterausbildung. Außerhalb der Zeltlager gibt es neben Lektürenkursen linker Basistheorie allerhand andere Programme, die nicht nur für Kinder und Jugendliche interessant sind und gleichzeitig ohne Kosten oder gegen Spenden angeboten werden.

 

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Ob die alten Losungen des Sozialismus immer noch Präambel der Falken sei? Wieder Lachen, natürlich nicht, so habe eigentlich jeder Ortsverband, sogar jedes Mitglied seine eigene, persönliche politische Sichtweise, auch wenn Sozialismus im Mittelpunkt der Motivation steht. Ganz klar richten sich die Falken immer gegen Rassismus, Antisemitismus und die Ausbeutung der Unterdrückten. Anders kann eine linke Jugendarbeit auch niemals funktionieren.

Die Falken sind definitiv eine Bereicherung für die politische und pädagogische Landschaft

Nach dem Spaziergang über die beiden Zeltlager bin ich ein wenig erschöpft. Die Gespräche waren lang und intensiv. In einem ruhigen Moment gehe ich nochmal meine Vorurteile über die Gruppe durch. Sind die Falken eine erzkommunistische Gruppe, die Jugendliche zu ihren politischen Zwecken ausnutzen möchte? Definitiv nicht. Überall laufen hier völlig normale Kinder und junge Menschen über den Platz, sie spielen Fußball oder sie besuchen einen Arbeitskreis, wie sie es eben möchten. Aber sind die Falken vielleicht ein Überbleibsel der DDR, bei all den Ähnlichkeiten wie dem Blauhemd, das sie als Uniform verwenden – und das ich übrigens kein einziges Mal hier gesehen habe? Absolut nicht. Die Falken waren schon immer in Westdeutschland aktiv und bis vor einigen Jahren auch der SPD sehr nahe. Die Geschichte der DDR und ihre politische Auslegung wird hier konsequent abgelehnt.

Die Falken sind definitiv eine Bereicherung für die politische und pädagogische Landschaft außerhalb von Familie und Schule. Vor allem in der politischen Bildung ist diese Alternative zu den konservativen und liberalen Konzepten eine Erfrischung. Insbesondere in Bayern, dessen konservative Regierung und landläufige Einstellung immer wieder im Gegensatz zu seiner Geschichte stand. Die Falken wirken trotz ihrer über hundertjährigen Tradition erheblich weniger rückwärtsgewandt als viele der anderen politisch-pädagogischen Institutionen in Bayern. In den Stunden des Einblicks, den ich nehmen durfte, wurde ich von einem Klima der Offenheit, Neugierde und Selbstreflexion überrascht. Um die Frage im Titel meines Artikels zu beantworten: die Falken sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die nachdenken ohne sich von vorgeschriebenen Ideologien oder Traditionen verbiegen zu lassen. Freundschaft!


Text und Bild Felix Hölter

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