Flohmarkt

Eine Kurzgeschichte - Text Felix Hölter - August 2016
© Felix Hölter

Zerknitterte Menschen kommen mir entgegen. Die Leute haben Tapeziertische und ihr Campingmobiliar aufgebaut. Eine Fläche von geschätzten hundert mal hundert Metern hat sich gefüllt. Hinter den Tischen sind Menschen und ihre Fahrzeuge samt Kind und Kegel und Kisten aus Kellern, Dachböden und Garagen. Die Tische bilden mehrere langen Bahnen wie Straßen. Darin tummeln sich alle Menschen, die in dieser Stadt leben, insbesondere die Armen, die Arbeitslosen und Flüchtlinge, die Gescheiterten, der siechende Mittelstand und die Verschuldeten. Sie hoffen an diesem warmen Samstag morgen im Juli auf einen großen oder kleinen Wurf. Mit den Münzen und kleinen Scheinen in ihren Hosentaschen wollen sie gebrauchte, verbrauchte Produkte erwerben. Sie freuen sich auf das Handeln nach unten. Aber insgeheim umspielen ihre Finger in den Hosentaschen die Münzen und Geldfetzen. Die Zeigefinger prüfen nochmals die Größe und Anzahl der Münzen, der Kopf rechnet mit und zählt nach.

Ich krame in Kisten nach Büchern, Platten.
„Der Kanacke mit den Schildern -“.

Ich blicke auf. Der alte Mann am Stand spricht zu seiner Frau, deutet auf einen schräg gegenüberliegenden Stand. Ich suche den Blick des alten Menschen, um ihn zu strafen. Er sieht weg. Ich stehe auf und gehe weiter.

Einen blauen mittelgroßen Schein habe ich dabei. Diese oder jene Kamera für fünfzehn. Ein gut erhaltenes Fahrrad für zwanzig. Eine Antiquität für zwölf. Im Angesicht der Hundertschaft von Kleinbürgern und ihren Auslagen bestehend aus verwaschenen Klamotten, abgenutzten Damenschuhen, zerlesenen Groschenromanen, Schallplatten vollgekratzt mit Volksmusik und den schlimmsten Sünden der vergangenen sechzig Jahre. Die Menschen türmen Elektroartikel, Computer, Laptops, Digitalkameras, Rasierapparate auf. Alles ist lang überholt, verblichen, zerkratzt, aufgesprungen, zerstört, abgenutzt. Die Weichmacher verlassen das harte schwarze Plastik, es ist spröde und bekommt weiße Flecken. Kinder haben überall Aufkleber angebracht. Alles ist wertlos, alles ist im Grunde genommen Müll.

„Hast du kein Geld? Dann musst ‚u Amt gehen, da kriegst Geld!“

Ein Verkäufer äfft einen Menschen nach, der brüchig Deutsch spricht oder einfach das Ding für das er sich interessierte doch nicht haben wollte. Immer wieder kommen mir geschorene junge Männer entgegen. Sie tragen schwarze T-Shirts mit aufgedruckten kitschigen Bildern germanischer Götter. Ihre Tätowierungen sind blass und grünlich bis blau. 14 Words. 88. Legion Odins. Thors Hammer. Die Verkäufer wissen das zu schätzen. Der offensichtlich gewerbliche Verkäufer von metallenen Schildern hat neben den dümmsten Sprüchen auch einige Schilder in Wappenform dabei, auf denen die Reichskriegsflagge abgebildet ist. Einige Antiquitätenhändler präsentierten mit stolzgeschwellter Brust Porträts von Wehrmachtssoldaten. Porträts unserer Großväter und Urgroßväter. Einer hat ein festliches Arrangement der Marine des Dritten Reichs in seiner Auslage. Ein Kriegsschiff wird von reichsdeutschen und verbündeten Flaggen gesäumt. Ich sehe viele Stahlhelme der Weltkriege. Auch einen Stahlhelm, der mit angenieteten Griffen zu einem Nachttopf umfunktioniert wurde. Natürlich, denke ich, die meisten Verkäufer sind gewöhnlich, durchschnittlich. Normal. Die radikaleren Angebote und Nachfragen fallen mir trotzdem auf und hinterlassen ein unwohles Gefühl in mir.

Weiter hinten riecht es nach Bratwurst und Pommes. Die Familien versorgen ihre hungrigen Kinder mit Semmeln, Ketchup und Softdrinks. Ich finde nichts. Ich habe nicht einmal den Ansatz von etwas Interessantem gefunden. Der riesige Platz wirkt wie leergefegt. Es gibt professionelle Händler, die einfachste Möbel aus Bauernhäusern verkaufen. Jemand hat ein Fenster an seinem Stand. Einige Auslagen bestehen aus Kisten voller rostigem Werkzeug. Ich sehe einen Kleinbus mit geöffneter Seitentüre. Darin liegt eine dicke Frau und schläft. Ihre Leibesfülle wird von der immer stärker werdenden Morgensonne beschienen. Es kümmert sie nicht, dass hunderte Menschen an ihr vorbeigehen. Die Müdigkeit, das Gefühl hat sie übermannt und sie hat einen Ort und eine Möglichkeit gefunden, für den nächsten Augenblick glücklich zu sein.

„Ja, das ist bei uns auch“

Gemeinsames Lachen. Kein ehrliches Lachen, ein soziales, aber so synchron, dass es unheimlich und schrecklich klingt.

„Möchtest du ein Bonbon?“
„Ja, möchtest du ein Bonbon?“
„Nimm‘ dir doch ein Bonbon!“
„Na, ein Bonbon?“
„Na komm‘, Junge, nimm‘ doch ein Bonbon!“

Es ist eine Familie mit einem jungen Sohn und eine hinter dem Stand. Ihre Sätze kommen gleichzeitig. Verschiedene Münder, die Summierung verschiedener Biographien spricht den selben trivialen Blödsinn aus vermeintlicher Höflichkeit.

Der Junge antwortet verschämt: „Nein.“

Wieder das Lachen.

©2020 Felix Hölter.

Alle Texte auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Zustimmung des Urhebers vervielfältigt werden. Möchten Sie einen meiner Texte verwenden, zitieren oder auf eine andere Weise reproduzieren, schicken Sie mir gerne Ihre Anfrage über das Kontaktformular.