Redestudien I

Fragmente - Text & Bild Felix Hölter - Oktober 2018 bis April 2019
"... weil dir Zeichen sagen, dass gerade irgendjemand was sagt", sagte ich.

„Sie war eine dieser Frauen, von denen es eine alle paar hundert Jahre gibt“, begann er, „jedenfalls in den letzten paar hundert Jahren, in denen Frauen…“ Er machte eine kurze, abwägende Pause. „Letzten paar hundert Jahre, in denen. In denen besonders diese Art von Frauen – unterdrückt und versklavt wurden.“

Nachdem sie das vierte Glas getrunken und das dritte zerschlagen, den nicht-letzten Joint mehr geschluckt als geraucht und die zweite Hälfte des Teils mehr absorbiert als geschluckt hatte, erklärte sie in einem Vortrag die Zusammenhänge und Möglichkeiten elektronischer Halbleiterbauteile und menschlicher Nervenbahnen. „Du hälst jetzt deine Fresse“, schrie sie und

Ich war nervös, meine Stimme überschlug sich fast als ich anfing zu gestehen: „Da war dieser Mann, lange Haare wie ich, ein Gesicht wie ein Schauspieler, der aus Der Pianist, er starrte oder eigentlich,  eher, … ich wünschte mir, dass er suchen würde, nach meinem Blick. Er kaute viel, schob die Zunge von einer Wange zur anderen, kaute mit den Zähnen auf ihr herum, er hatte diesen – zerzausten Charme, sein Gehabe – nein, es war echter – sein Verhalten erzählte mir von einer frühen, kaputten, abgebrochenen Nacht: der Blick suchte nach Obdach.“ Ich seufzte, trank einen großen Schluck und erzählte weiter. Aber ich trank noch einen großen, guten Schluck, um weiterzuerzählen. Bevor ich weiter erzählte, was dieser Typ da, so! nahm ich, trank ich noch einen ganz guten Schluck – ah!und erzählte dann weiter: “Die Bahn hielt, draußen Geraufe: er stieg aus, sammelte sich, beriet sich ruhig mit seinen Begleitungen, nicht ohne hin und her zu wanken. Beriet sich und wankte: von da nach dort. Hin und her. Dann war er weg, es war aus. Weil er weg war. Vorbei war es, als er weg war. Ich wusste: Er ist weg. Jetzt ist Schluss. Ende, er war weg. Das Geraufe entpuppte sich als idiotische Unterhaltung von Jugendlichen. Und ich wusste: Nein, das wird nichts mehr. Weil er“ Ich stoppte, wandte mich weg von deinem Gesicht, „weg war, war jetzt das Gegenteil von Anfang: Ende.“ sagte ich wie ich mich wandte von deinem Gesicht, damit mein Gesicht weg war. Dachte noch, „Wie gern hätte ich diese Bande geschlagen, verprügelt, die zahnspangengerichteten Zähne dieser frivolen Jünglinge: wund und stumpf und ab und zer und entzwei gewetzt mit meinen Knöcheln. Die ganze Bande, haarlose Putten, abgehängte: Bildungsferne durch Alter und dabei haben die nicht mal Fernweh, abgewichste Güllepaste aus den Lenden eines hundsverfaulten Satyrs mit riesen Goschen aber ohne BMW“ ja, und so weiter.

Seine Ausstrahlung war potent, sexuell, aber nicht aufdringlich. Sein charismatischer Eros machte ihn zum wandelnden Angebot und nicht zur wandelnden Nachfrage, wie diese ganzen übergriffigen Macker. „Sein Lächeln hat mich begrüßt“, hat Kurti zugegeben, „breit, herzlich, aber auch sehr geil.“

Sie hatte diese Anmut, diese zerbrechliche; ihre Gesichtszüge enthielten bereits den nächsten Nervenzusammenbruch nach dem man sich ihrer annehmen könnte. „Du hälst jetzt endlich deine Fresse“, schrie sie und schlug, dass die Nase sprang.
Der große Dichter Möller, verzagend:
In einem abgrund siehst du in das unbekannte
In einem abgrund siehst du das unbekannte
In einer abart siehst du das unbekannte
Vor einem abgrund siehst du das unbekannte
Ab einer abart siehst du in das unbekannte
Siehst du in das unbekannte?
In einem abgrund fällt ein Stein in das unbekannte
Der stein fällt in den abgrund in das unbekannte
Die zeit fällt in den Abgrund
Und das bekannte
Unbarmherzig fällt das unbekannte
In einer abart siehst du das unbarmherzige
Allen voran das unbekannte
Blickst du nach links siehst du in einem abgrund
Das unbekannte
Sie erklärte leise, „Karl sah dich an, beobachtend, als wäre dir nicht bewusst, dass er dich ansieht. Als läge eine größere Entfernung zwischen dir und ihm, als tatsächlich. Ich hatte es ihm nicht gesagt. Nicht mal eine Spur davon.“
„Weißt du“, erwiderte der Gott, „dass es mit ein Knistern in den Nerven beginnt, alles knistert in Ruhe und es knistert dann wie Schleichen im Dickicht, wenn du ganz langsam, eigentlich leise, die Büsche vor dir biegst, aber du hörst das Rascheln der Blätter als Lawine. Eine Euphorie beginnt plötzlich, du bist überrascht, vielleicht erschrocken vor all dem Glück und du weißt, dass sie sich langsam angebahnt hat, ab dem Moment in dem du dich entschieden hast, auf dem Fetzen Papier weiter herumzukauen.“
„Moment, denn es gab ja noch:

DAS ALTE ARSCHLOCH

Julia weiß es nicht, Orhan hat auch keine Ahnung und ich überlege ratlos: Warum nennen wir den das alte Arschloch? Es hat phonetische Gründe, sagt Julia, es klingt einfach zu gut. Wir stimmen zu, wie ein feiner Perlwein glitzern die Laute durch unsere Münder, leise, prüfend, übend, ein Akkord aus warmer Lungenluft: das alte Arschloch. Julia versucht uns beiden etwas über Soße, Sniffigen Kanten und sowas zu erklären, aber wir kapieren überhaupt nichts. Ich bin mir auch sicher, dass es ganz andere Worte waren. Jedenfalls zurück zum Wesentlichen: Der Zauber der Sprache entfaltet sich in seinen Bestandteilen genau dann, wenn wir anderen vom alten Arschloch erzählen. Julia liebt die Anekdote, in der ihr das alte Arschloch beim Schlüpfen durch den offenen Spalt des schweren eisernen Stadthauseingangsschwingtores unseres Hausgangs, ihr fast ans Bein gepisst hat. Der säuft um jede Ecke, lacht Julia. Am Ende der Anekdote ist sie aber meistens weniger amüsiert als am Anfang. Sie hat, so im Vertrauen unter uns hier, nach diesem Vorfall ihre Hosenbeine gemieden. Nicht, dass ein Tropfen. Eine Berührung. Purer Ekel.

Eine rief dann noch: „Amputation als Ausdruck der Weigerung!“ Und sie schnitt beherzt die Kruste vom Brot.

Usw.></div>
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©2020 Felix Hölter.

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